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Mundart und Volkstum in der Grafschaft Glatz
Sprichwörtlich geworden ist die Gutmütigkeit und Gemütlichkeit
des Grafschafters. Nicht ohne Humor benützte er früher auch in der kälteren
Jahreszeit als Nachtlagerstätte häufig den in manchen Häusern vorhandenen
Backofen, zu dem auf der Stubenseite drei Stufen führten. Der Backofen blieb
in der Nachtnach dem Brotbacken frei und auch, wenn man das warme Plätzchen dem
Hühnervolk überließ, das auf den „Höllastifflan“ hinausstieg.
In still besinnlicher Familienrunde quälten quecksilbrige Kinder Mutter und Vater
um Abzählverse und Spielreime, Scherz- und Spottliedchen. Der Humor der Kinder,
um so zwerchfellerschütternder, je unfreiwilliger er ist.
Federnschleißen und die gemütlichen Rockagänge (Spinnstuben) gehören
seit Jahrzehnten der Vergangenheit an. Kirmes, Fastnacht und Johannesnacht boten hochgestimmten
Seelen bis zur Vertreibung Gelegenheit zu Äußerungen närrischer Eigenheiten.
Zu den Gelegenheiten, bei denen die „Moannsmer“ (Männer) mundartliche Anekdoten
erzählten und Späße machten, gehörte auch das „Woalflääschassa“
(Wellfleischessen). Hier handelte es sich aber weder um verschmitztes Lächeln und
heimliches Blitzen aus dem Augenwinkeln, noch um grobe Scherze mit derben Worten. Die
gesättigten Gäste aus der „Freindschoaft“ sprachen ihr „Pauersch“ mit dem
köstlichen und feinen Humor, der die Unterhaltung durchzieht. Bei einem Wünschelburger
Korn oder einem Schüttbodenkümmel äußerten sie sich in einer
Mischung von tiefem Ernst und mildem Scherz über die Verhältnisse in der
Gemeinde. In ihrer Berufsliebe sprachen sie am liebsten über reine Berufsangelegenheiten:
Die Landwirte redeten „Vo der Wertschoaft, vom Kieh- on Schweinestoalle“. Nicht ohne
feine Selbstverspottung gaben sich die Leute gegenseitige Anregungen. Kam die Rede
auf die Errungenschaften moderner Kultur zu sprechen, wurde wohl der Satz hörbar:
„Die Aala worn aa käne tomma Leute!“ Dieser Ehrfurcht gegen die Überlieferung
ging die Ehrfurcht vor Gott und den Menschen voran. Nie aber fehlte der Wirklichkeitssinn,
ob man nun von einem Mannweibe sagte: „Die delle hoot die Hosa oa!“ oder sprichwörtliche
Redewendungen gebrauchte: „Arbt ma' schmeckt 's Assa!“, „Koop kiehl on Fisse warm, macht
a besta Dokter arm!“, „Sonnticharbt brängt känn Sääjen!“ Die Volkssprache
ist reich an Einzelbezeichnungen und besitzt eine Fülle von Sprachbildern. Der
Grafschafter „weint“ nicht, „a flärrt, a flennt, a fluutscht, a hoilt, a noatscht,
a macht a Gesetzla, a macht 'n Zeeker, die Träpplan kaula“ usw. - „Nä, woas
bloß die Muttersprooche macht: De fiehrt ons hääm, derzehlt on lacht!“
(Robert Karger). Der natürliche und ungezwungene Mundartsprecher liebt Fremdwörter
nicht. Er nennt sie „täälsche Wäärter“ (verrückte, unnormale).
An ihrer Stelle verwendet er nach Möglichkeit bodenständige Ausdrücke:
„Oarechta“ statt reparieren, „sich oabnahma bon“ statt photographieren, „rausschloon“
statt profitieren. Man läßt sich „a Boart wegtun“ (Rasieren), „a tutt ärre
reda“ statt phantasieren.
In der Glatzer Mundart und den sprichwörtlichen Redewendungen haben die Beziehungen
zwischen der äußeren Natur und dem Bewußtsein der Grafschafter ihren
Niederschlag gefunden. Wenn auch regerer Verkehr und neuzeitliche Wirtschaftsverhältnisse
das Maß der Naturgebundenheit der Bewohner der Grafschaft mancherorts herabminderten,
so konnte man bis zur Vertreibung noch immer die Beobachtung machen, daß die
Landbewohner innig mit der Natur lebten.
Am „Järjetag“, dem Tag des hl. Georg (23. April) begann einst die Pflicht des
Bauern, den Knechten und Mägden ein besonderes Vesperbrot zu reichen: „Järjetag
brängt a Vaschpersaak!“ Die Verpflichtung erlosch am 8. September: „Maria Gebort
träät a wieder fort!“ „Zu Maria Gebort ziehn de Schwolba fort.“ Ins Frühjahr
fielen die Maiandachten und die Bittage mit ihren Marienliedern, Litaneien und Prozessionen.
- „Zu Pfingsta sein die Madlan om schinnsta!“ deutet das Sprichwort die hellen Kleider
und den Frohsinn der Mädchen in der Frühlingsnatur. Zwischen Heu- und Getreideernte
machten viele Leute eine „Wullfoahrt“, of Olbendrof, ei de Woarthe, of a Stachelbarg,
of Maria Schnee. Wie tief der Tag des hl. Johannes des Täufers und die Zeit der
Sommersonnenwende im Bewußtsein der Grafschafter verwurzelt waren, verrieten nicht
nur die immer von neuem genährten „Johoannstichfeuer“ am Abend des 23. Juni, sondern
auch der Sprachgebrauch „zu Johoanne“ statt der Kalenderangabe „zum 1. Juli“.
Im Volksbewußtsein verwurzelt war auch der Michaelstag (29. September). Die
Zinsen mußten zu „Micheele“ gezahlt werden bedeutete „zum 1. Oktober“. Die
Kinder sangen im Herbst zwar in der Schule „Näher rückt die trübe Zeit“,
aber die reifen Früchte der Obstbäume ließen im Kindergemüt keine
Wehmut aufkommen, ebensowenig die beim Kühehüten zwischen zwei oder drei
Hütejungen benachbarter Felder gesungenen Wechselgesänge. Die wirklich echte
Herbststimmung spürten sie erst, wenn das von Naturfreude umsäumte Viehhüten
im Herbste aufhörte.
Die Winterszeit mit ihren schlimmen Wegeverhältnissen, ihrer bitteren Kälte,
ihren geringen Verdienstmöglichkeiten lag schwer auf dem Gemüt des kleinen
Mannes. Die Kinder wurden ermahnt, nicht ohne „Schaultichlan“ in die Kälte
hinauszulaufen, „die Potscha“ anzuziehen, nicht „eim Jackla Schleppian
oder Schlieta zu foahrn“. Viel vom Winterleid und der Winterqual wurde durch
die religiösen Einwirkungen der „Roratemessen“, der „Christnacht,
der Jahresschlußandacht, den Dreiköniggottesdiensten, des Vorfrühlingsfestes
Maria Lichtmeß“ aus dem Gemüte der Dorfbewohner herausgenommen.
Daß die Kinder im rauhen Grafschafter Winter fröhlich und heiter blieben,
dafür sorgten u.a. der „Neckelstag“ und das Weihnachtsfest mit ihren
Vor- und Nachfreuden.
Der Ablauf der Tageszeiten hat in der Volkssprache ebenfalls seinen Niederschlag
erhalten. Der Morgen, Mittag und Abend waren im Volksbewußtsein mit dem Läuten
der Kirchenglocken zu diesen Tageszeiten, dem „Aveläuten“ verbunden.
„Em 's Marjalätta“ mußten schon die ersten Arbeiten auf dem
Dorfe verrichtet werden. „De lätta Mettich!“ lautete die Ankündigung
der Mittagszeit, die zur Mahlzeit und zu einer kurzen Mittagsruhe einlud. „Em's
Oomdlätta“ ging man vom Felde heim, und es trat allmählich der Abendfrieden
in seine Rechte.
Diese Tageszeiten wurden auch im Gruß verwendet. Man grüßte „Guda
Marja!“, „Guda Mettich!“, „Guda Oomd!“ Doch verwendeten
auch die jüngeren Dorfbewohner schon vielfach die hochdeutschen Grußformen:
„Guten Morgen!“, „Guten Tag!“, „Guten Abend!“. Auch
die Begrüßung mit „Grüß Gott!“ war immer öfter
zu hören.
Bei der Naturverbundenheit, die dem Grafschafter noch eigen war, kam die Wertschätzung
der Gesundheit und die Furcht vor Erkrankung auch in den mundartlichen Redensarten
zum Ausdruck. Ging jemand am Abend heim, verabschiedete er sich mit den Worten:
„Schlooft ock olle gesond!“ oder „Bleit mer ock ei Goots Noama!“,
„Labt mer ock olle gesond!“ - „Ar ies nee recht monter!“ bedeutete:
Er kränkelt. „Nä, ar gefällt mer goar nee!“
Für die tieferen Zusammenhänge der leiblichen Gesundheit mit dem Seelenleben
hat der Grafschafter viel Verständnis, wofür u.a. auch die vielen Votivtafeln
in den Wallfahrtskirchen zu Albendorf und Maria Schnee zeugen. Wenn jemand erkrankt,
wird möglichst bald „nooch 'm Dokter on nooch 'm ‚Pfoarr‛ gescheckt“.
In leichten Fällen holte man sich Rat „bei a Schwestan“. Bei Arm-
und Beinbrüchen ging man zum „Schäfer“. Wie die Krankheit als
Heimsuchung Gottes angesehen wird und die Gesundheit als Geschenk der Vorsehung,
geht aus der Redewendung hervor: „Onser Herrgott watt 's wessa, warom!“
Das Werk der leiblichen Barmherzigkeit „die Kranken besuchen“ wurde in
der Grafschaft Glatz fleißig ausgeübt. Man ging zur „Freindschoaft“.
Viel Bedeutung wurde dem Verhältnis von Pate und Patenkind beigelegt. Die Kinder
wurden angehalten, die Paten mit „Pat' Heinrich“, „Gersch-Pate“,
„Kleine (Frau) Pate“ oder „Gruße (Mann) Pate“ anzureden.
Die Patenkinder wurden von ihren Paten z.B. durch die Anrede „Pat Annla“
ausgezeichnet. Die mundartliche Bezeichnung „Grula“ wurde zu „Großmutter“.
Die heutige Bezeichnung „Oma“ war ganz selten. Der Bruder des Vaters oder
der Mutter hieß „Vetter“; die Schwester der Mutter oder des Vaters,
die Tante, hieß wohl noch in den Sommersonntagsliedern „Muhme“.
„Mer sein rechte Geschwesterkender“ sagten Vettern und Basen einst. Das
Wort Base war aus der Biblischen Geschichte bekannt. Die Ausdrücke „Kusin“
und „Kusine“ traten an die Stelle des absterbenden Sprachgutes. Die Kinder
der Geschwisterkinder waren „andere Geschwesterkender“. Zum absterbenden
Sprachgut gehörten auch die Verwandtschaftsbezeichnungen „Brudersch Suhn“
oder „Brudersch Mädla“, „der Schwaster Jengla“ für
die hochdeutschen Ausdrücke Neffe und Nichte.
aus: „Die Mundart der Grafschaft Glatz“ von Alois Bartsch, 1980
Die Mundart der Grafschaft Glatz
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Heilje Muttersprooche: Oa dänn Klänga
Wäll mer ons begeistrn emmerzu.
Klengst wie Kärchtoarmglocka, wenn se lätta,
Nooch dr Arbt zu steiler Sonntichruh. |
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Robert Karger |
In dem Glatzer Land herrschte eine besonders ausgeprägte
Mundart. Sie ist geformt durch die Herkunft der mittelalterlichen Siedler und durch
die Topographie des Landes, seine Abgeschlossenheit durch die hohen, bewaldeten Randberge.
Sie ist scharf abgegrenzt von den übrigen schlesischen Mundarten.
Die Siedler brachten in der Mehrzahl nicht die originalen Stammes-Mundarten mit
(Fränkisch oder Thüringisch usw.), sondern bereits eine Misch-Mundart
zwischen Thüringisch und Ostfränkisch, die sich in der Zwischenzeit auf
dem Wege nach dem Osten, nach dem Glatzer Land ausgebildet hatte; also einen Ausgleich
der mitgebrachten Einzelmundarten.
Die schlesische Mundart und mit ihr die Glatzer gehört zu den mitteldeutschen
Mundarten, die den Übergang zwischen den oberdeutschen Mundarten (Alemannisch,
Schwäbisch, Bayerisch-Österreichisch) und den niederdeutschen (Niederfränkisch,
Niedersächsisch-Niederländisch) bilden. Einflüsse slawischer Sprachen
sind sehr gering. Die Mundart wurde bereichert durch den Wortschatz der verschiedenen
Berufe. Sie ist kein „verderbtes Deutsch“, sondern die eigentliche Muttersprache.
Es gibt Unterschiede zwischen Nord- und Südglätzisch. Diese werden von
einigen Autoren auf die verschiedenen Zeiten der Besiedlung zurückgeführt,
was aber Friedrich Graebisch, der sich viele Verdienste um die Mundart erworben hat,
abgelehnt hat. Er schreibt die Unterschiede vielmehr dem Einfluß der nordmährischen
Nachbarmundart zu, die einen stärkeren ostfränkischen Einfluß aufweist.
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Beispiele: |
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Schriftdeutsch |
Nordglätzisch |
Südglätzisch |
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Heimat |
Häämte |
Haimte (a-i) |
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kleines |
kläänes |
klaines |
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Häuschen |
Häusla |
Hoisla |
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kleiner Wagen |
kläänes Wäänla |
klaines Woinla |
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Steine |
Stääne |
Staine |
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er hat gesagt |
a hoot gesäät |
a hoot gesoit |
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ausgezogen |
ausgezään |
ausgezoin |
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allein |
allääne |
alleine |
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am Wege |
om Wääche (Wääje) |
om Waiche (Waija) |
Während in der Schriftsprache im allgemeinen ein Begriff
mit einem Wort wiedergegeben wird, gibt es in der Glatzer Mundart vielerlei Ausdrücke
dafür. So z.B. „weint“ der Grafschafter nicht, sondern „a flärrt,
a flennt, a fluutscht, a hoilt, a noatscht, a macht a Gesechtla, a macht'n Zeker,
die Träppla kaula“ usw.
Friedrich Graebisch hat in seiner Arbeit „Die Mundart der Grafschaft Glatz
und ihrer böhmischen Nachbargebiete“ (1920) die Regeln und Grundsätze
für die Schreibart der Glatzer Mundart niedergelegt.
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Onse Muttersprooche woar schonn doo
eh nooch jihmand droa doocht, herrsch zu reda.
's ies a aaler treubehutter Schoatz,
ieber oallem erdscha Reichtum steht a.
Stehst eim Hatze drenne gutt verwoahrt,
Muttersprooche, heil'jes Mutterwoart. |
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Robert Karger. |
aus: „Landeskunde der Grafschaft Glatz“ von Aloys Bernatzky, 1988
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