KirchenZeitung

Nummer 20 • 21. Mai 2006

BLICKPUNKT

Foto: Rüdiger Wala (KiZ)
Ein Besuch des Braunschweiger Doms gehörte zum Besuchsprogramm von Nuntius Ender (3.v.r.).     Foto: Rüdiger Wala (KiZ)

Der Nuntius als Ehrengast

Glatzer Gebirgs-Verein feiert 125-jähriges Bestehen / „Fühle mich der Grafschaft noch tief verbunden“

Braunschweig (wal). Ein Besuch im Braunschweiger Dom, der Eintrag in das Goldene Buch der Stadt, ein Festakt und am Abend die Feier des traditionellen ostdeutschen Gottesdienstes der Vertriebenenverbände - das war das Tagesprogramm beim Besuch des Apostolischen Nuntius, Erzbischof Dr. Erwin Josef Ender, in Braunschweig. Der Botschafter des Vatikans und ständige Vertreter des Papstes bei der Deutschen Bischofskonferenz in Deutschland war einer Einladung des Glatzer Gebirgs-Vereins gefolgt, der sein 125-jähriges Bestehen feierte.
Ender ist 1937 in Steingrund in der Grafschaft Glatz geboren. Insofern war es auch ein Stück landsmannschaftliche Nähe, die den Erzbischof, der bereits seit 1974 im diplomatischen Dienst des Vatikans steht, zur Feier des Gottesdienstes und zur Teilnahme am Festakt des Glatzer Gebirgs-Vereins bewogen haben.
Mit der heimatlichen Grafschaft fühlt sich der 1990 zum Titularbischof der untergegangenen Diözese Germania in Numidien (im heutigen Nordafrika) ernannte Ender zutiefst verbunden. „Mein Elternhaus steht noch“, sagt er im Gespräch mit der KirchenZeitung. Noch heute leben die Nachkommen der Familie darin, die es 1946 übernommen haben. Ender empfindet ihnen gegenüber keinen Groll: „Diese Familie wurde selbst aus Ostpolen vertrieben“, erzählt der Nuntius. Er habe bei Besuchen zum Renovieren des Hauses die „eine oder andere kleine Hilfe dagelassen“.
Noch eines prägte die Nähe zur Heimat: „Als ich Kind war gehörte das ganze Glatzer Land zur Erzdiözese Prag“, erinnert sich Ender. Vor seiner Berufung als Nuntius nach Deutschland nahm der Erzbischof den gleichen Dienst in Tschechien wahr - mit Sitz in Prag. „Das war ein schönes Zeichen“, sagt Ender. Heute allerdings gehört das Glatzer Land seit 2004 zur neu gegründeten Diözese Schweidnitz. Zuvor wurde es 1972 der Erzdiözese Breslau angegliedert.
Ender sieht die Eingliederung der Schlesier in die Bundesrepublik als große geschichtliche Leistung an. Die Vertreibung sei ein großes Unrecht, das nicht hätte geschehen dürfen. Aber: „Wir dürfen nicht vergessen, dass das Zurechtrücken der Völker wie auf einem Schachbrett damals ein Mittel der Diplomatie war“, betont Ender. Sieger haben sich dieses Recht herausgenommen. So sei es ein deutlicher Fortschritt, wenn Vertreibung in der heutigen Zeit - wie beispielsweise auf dem afrikanischen Kontinent - als „ethnische Säuberung“ verurteilt werde.
Dennoch: Die Vertreibung der Deutschen dürfe nicht vergessen werden. Es gebe Mahnmale zum Gedenken an den Holocaust und an die Leiden der Sinti und Roma. Es werde bald in Berlin eine Gedenkstätte geben, die an den Mauerbau und die Geschichte der DDR erinnert. „Mit gleicher Berechtigung müssen wir der Vertreibung gedenken, ohne Anklage, als Dokumentation“, fordert Ender.
Genauso wichtig sei aber auch das Pflegen des heimatlichen Erbes. Das sei den Schlesiern - und den Glatzern - in besonderer Weise gelungen. „Es kommen immer noch einige tausend jährlich zur Grafschafterwallfahrt nach Telgte, es werden viele Fahrten veranstaltet, es gibt Hilfen bei der Renovierung von Kirchen, es herrscht ein reger Austausch“, listet Ender auf.
Auf eines möchte der Nuntius noch hinweisen: Durch die Schlesier wurde die konfessionelle Landkarte vor allem in Norddeutschland „durcheinander gewirbelt“. Das hatte und habe ein durchaus enges Beieinander von evangelischer und katholischer Kirche zur Folge: „Jeder hat gesehen: Der andere ist auch ein Mensch, es gibt keinen Grund sich anzufeinden.“

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