Predigt von Präses Dr. Marius Linnenborn bei der 79. Wallfahrt der Grafschaft Glatzer in Telgte am 29. August 2026
Bereit für das Neue, das Gott mit uns wirken will
Haben Sie Orte, die Ihnen heilig sind, liebe Schwestern und Brüder? Vielleicht ist es in der eigenen Wohnung die Stelle, wo Erinnerungsstücke aus der Familiengeschichte oder Fotos von lieben Menschen stehen. Oder es ist eine Gebetsecke mit einem Kreuz, einem Marienbild oder einer Ikone – ein Herrgottswinkel.
Im weiteren Sinne kann ein solcher heiliger Ort vielleicht der Platz sein, wo Sie sich gerne niederlassen, die Welt betrachten und Ihren Gedanken nachgehen. Oder ein Urlaubziel, zu dem Sie immer wieder gerne gereist sind, weil Sie sich dort wie zu Hause fühlen.
Im engeren Sinne sind für uns heilige Orte natürlich unsere Kirchen, die mit unserer Lebens- und Glaubensgeschichte eng verbunden sind, wo wir die Sakramente empfangen und Menschen verabschiedet haben. Und natürlich die Wallfahrtsorte, die wir wieder und wieder aufsuchen, weil sie für uns Kraftorte sind, an denen wir immer wieder geistlich auftanken können – wie hier bei der Schmerzensmutter in Telgte, zu der unsere Familien seit 79 Jahren pilgern. An einem solchen heiligen Ort wissen wir uns mit den Quellen und Wurzeln unseres Lebens und unseres Glaubens verbunden, ja hier fühlen wir uns wirklich lebendig.
In den verschiedenen Lebensphasen kann es jeweils unterschiedliche solche Orte geben. Ein heiliger Ort des eigenen Lebens kann seine frühere Bedeutung verlieren, neue Orte können Bedeutung gewinnen. Ein heiliger Ort kann auch verloren gehen, etwa wenn die eigene Pfarrkirche geschlossen oder umgewidmet wird, wie es an manchen Orten schmerzliche Realität ist.
Bei Veränderungen des Lebensortes kann ein anderer Ort eine neue geistliche Heimat werden, wie Telgte es für uns Grafschaft Glatzer geworden ist. Auch wenn wir hier erleben, daß die Kirche umgestaltet, erneuert wird, entsprechend den veränderten Notwendigkeiten, damit unterschiedliche Gruppen heute und in Zukunft gut Gottesdienst feiern können.
Dementsprechend haben wir als Leitwort unserer diesjährigen Wallfahrt den Vers aus der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch der Heiligen Schrift, ausgewählt: „Gott spricht: Seht, ich mache alles neu!“ Wenn wir diesen strahlenden, festlichen Raum sehen, erscheint uns dieses Bibelwort, das eine Zusage voll Zuversicht ist, sicher ganz passend ausgewählt.
Im Rückblick auf das, was unsere Familien vor 80 Jahren erleben mußten, erscheint uns dieses Schriftwort aber wohl eher als eine Herausforderung. „Seht, ich mache alles neu!“ – gilt dies auch im Blick auf die Vertreibung? Da ist alles Vertraute weggebrochen: Heimat, Orte, Häuser, Kirchen, Menschen – ein Totalverlust all dessen, was Halt und Geborgenheit geschenkt hat. Ein Weg in eine ungewisse Zukunft: Wird es noch jemals ein Zurück geben?
Es dauerte einige Zeit, bis unseren Familien endgültig bewußt wurde: Es muß nun etwas Neues werden. Wir müssen bereit sein, an einem neuen Ort Wurzeln zu schlagen. Das Neue wurde nicht gesucht, es mußte angenommen werden – durch die Erfahrung von Schmerz und Tränen, von Verlust und Trauer hindurch.
Und eine elementare Frage war dabei: Was können wir von früher bewahren, woran wollen und müssen wir festhalten? Materiell gab es ja nur ganz wenig, was aus der Heimat gerettet werden konnte: vielleicht ein wichtiges Erinnerungsstück und ein paar Familienfotos.
Zu dem Neuen, das langsam gewachsen ist, gehört auch die Bereitschaft, Kontakte zu knüpfen zu den Menschen, die heute in unseren früheren Wohnungen, Häusern und Orten leben, die jetzt in unseren früheren Kirchen Gottesdienst feiern. Auch wenn in den zurückliegenden Jahrzenten vieles wachsen konnte, bleibt die Versöhnung unter gewandelten Rahmenbedingungen stets neu Herausforderung und Aufgabe.
Was es zu bewahren gilt und was verändert werden muß, diese Frage stellt sich immer wieder auch in größeren Zusammenhängen – in der Kirche wie in der Politik. Hat der Liedermacher Wolf Biermann Recht, der einmal formuliert hat: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.“?
Ich staune, wenn ein Mensch von sich sagt: Ich bin nicht mehr derselbe, der ich früher einmal war. Bleibt der Kern unseres Menschseins nicht trotz aller äußeren Veränderungen und Wandlungen bestehen, bleibt unsere Identität nicht erhalten? Gott hat ja jeden von uns als einzigartigen Menschen ins Leben gerufen.
Was aber ist dieser Kern, der uns aufgetragen ist zu bewahren, auch in allen sich wandelnden Herausforderungen? Ich möchte es heute so formulieren: Daß wir Gott zutrauen, daß er der ist, der durch die Kraft seines Heiligen Geistes immer Neues wirken kann, der uns mit seinen Plänen überrascht – mit dem, was er uns zutraut, auch wenn wir es erst einmal als Zumutung erleben. Das Neue, das er schaffen will, ist weit mehr als geplanter Strukturwandel und nötige Transformation. Er, der von Ewigkeit her ist und doch stets neu und immer jung, er ruft uns, auch wenn wir alt werden an Leib und Geist, aus unseren festgefahrenen Gleisen heraus. Er will uns im Innern neu gestalten, damit wir ganz empfänglich sind für ihn selbst und sein Leben, zu dem er uns ruft über die Schwelle des Todes hinweg, wenn wir alles loslassen müssen und uns in seine barmherzigen Hände fallen lassen – er, der unsere ewige Heimat ist, die niemand nehmen kann. Sind wir bereit für das Neue, das Gott an uns und mit uns wirken will?
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