Kultur und Geschichte
der Grafschaft Glatz (Schlesien)
Soziale Einrichtungen
Schon im Mittelalter schufen die Bewohner des Glatzer Landes Einrichtungen
für alte, kranke und bedürftige Mitmenschen.
Für die Glatzer bedeutete es ein großes Glück, daß der Johanniterorden
in ihrer Gemeinde 1184 eine Niederlassung einrichtete. Da sich diese religiös-ritterliche
Gemeinschaft verpflichtet fühlte, Arme und Kranke zu betreuen und zu pflegen -
in Palästina taten sie es bereits erfolgreich -, besaßen sie hierzu die
nötige Erfahrung und auch die Mittel. Sie errichteten vor dem inneren Frankensteiner
Tor ein Hospital mit einer Kapelle. Als Jahrzehnte später Menschen am Aussatz -
der Lepra - erkrankten, bauten die Ordensbrüder mit Unterstützung der Bürger
am Abhang zur Neiße vor ihrem Hospital ein „Seelhaus“ mit der Georgskapelle
für diese Kranken.
Um 1530 kam die Syphilis ins Land. Um diese ansteckende Krankheit erfolgreich zu bekämpfen,
stiftete Margaretha Sigmund, eine vermögende Glatzer Bürgerin, eine Heimstatt,
die neben dem Hospital lag und auch erkrankte Nichtbürger aufnahm. 1546 verließen
die Franziskaner ihr Kloster am äußeren Frankensteiner Tor und übergaben
ihre Gebäude der Stadt unter der Bedingung, daß die Bewohner des Hospitals
und der Sigmundschen Stiftung in das Kloster verlegt würden. Not und Leid brachte
Insassen und Betreuern der 30jährige Krieg.
Die Stadt Glatz besaß schon im Jahre 1604 eine gedruckte Waisenordnung.
In den Geschichtsquellen der Grafschaft Glatz und in anderen Berichten finden
wir ein ähnliches Bild von der sozialen Fürsorge in den anderen Städten
des Glatzer Landes. In Habelschwerdt wurde 1381 „von den milden Beiträgen
der Bürger und anderer Wohltäter“ (Kögler) das Hospital erbaut
und 1399 am Abhang zur Neiße das Siechenhaus für Leprakranke (Volkmer).
Landeck (vor 1664), Lewin (1560), Mittelwalde (1712), Reinerz (vor 1575), Wünschelburg
(vor 1598) besaßen Hospitäler mit bescheidenem Kapital, von dessen Erträgen
die Bewohner dieser Einrichtungen lebten. Wann und von wem diese Häuser gegründet
wurden, bleibt - bis auf Lewin - unbekannt. Jedenfalls haben Bürger dieser
Städte hohe soziale Verpflichtungen freiwillig übernommen.
Joseph Wittig berichtet
in seiner Chronik von Neurode, daß es erst für 1572 Nachrichten
über ein Hospitalgebäude in der Vorstadt gibt. Es steht auf dem Boden der
Familie Stillfried, die Brüder Georg und Heinrich Stillfried müssen also
die Gründer sein. Der Visitationsbericht des Dechanten Keck hält für
1631 fest, daß er das Hospital ohne jede bestimmte Fundation vorgefunden habe,
aber 246 Schock (Geld) seien ausgeliehen; vier alte Frauen bewohnten das Haus. Als
Spitalherren nennt er Baltzer Hein und Christoff Schindler.
In der Folgezeit erlebten die Bewohner und die Betreuer der Hospitäler Höhen
und Tiefen. Einsatzfreude und Lebensklugheit der Verantwortlichen sowie die Spendenfreudigkeit
der Bürger überbrückten die Notzeiten. Erschwerend kam hinzu, daß
die sogenannten Hausarmen betreut und versorgt werden mußten. Wie die Hospitalbewohner
erhielten sie nicht nur Naturalien und manchmal etwas Geld, sondern auch Bekleidung
(Schuhe und Tuch). Besondere Stiftungen bedachten arme Kinder, Schüler und Studenten
mit dem Nötigsten.
1719 erließ in Neurode der Erbherr Raimund von Stillfried eine Spitalordnung,
die das Leben in dem Haus regelte. 1846 stand es unter der Fürsorge des Grafen
Magnis zu Eckersdorf.
Die preußische Verwaltung, die seit 1741/42 bestand, änderte nichts an
den bestehenden sozialen Einrichtungen, weil sie den Erfordernissen der Betreuung
von bedürftigen und kranken Menschen entsprachen. In der ersten Hälfte des
19. Jh. wuchs die Bevölkerung. Deshalb gründeten Privatpersonen in
Habelschwerdt 1857 das Krankenhaus Maria Hilf, das mit Ärzten und Pflegepersonal
ausgestattet wurde. Die Glatzer bauten 1860 ein größeres Bürgerhospital
mit Kapelle auf der Frankensteiner Straße und richteten auf der Niederstraße
ein städtisches Krankenhaus ein. Die Not unbemittelter Kranker in der Grafschaft
veranlaßte den Stadtpfarrer Herzig und den Regens des Konvikts, Langer, 1848
mit zahlreichen Wohltätern nahe Glatz das Krankenstift Scheibe zu bauen.
Diese kirchliche Einrichtung wurde durch ein Kuratorium geleitet, dem es gelang,
Franziskanerinnen aus dem Mutterhaus zu Münster in Westfalen als Pflegerinnen
zu gewinnen. Ab 1897 nahm das Stift nach Erweiterungsbauten auch Nerven- und Geisteskranke
auf. Der Ankauf des sogenannten Kalten Vorwerks 1928 ermöglichte es,
eine Wanderarbeiterstätte und ein Trinkerrettungsheim einzurichten. Damit ging
der Wirkungskreis des Krankenstiftes Scheibe weit über die Grenzen der Grafschaft
hinaus.
In Neurode arbeiteten nach 1859 städtische und kirchliche Armenpflege zusammen
(Joseph Wittig). Graf
Magnis zu Eckersdorf unterhielt in seinem Neuroder Schloß einen Freitisch,
an dem 1870 täglich über 100 Arme versorgt wurden. Fast 40 Jahre lang stand
das Hospital unter der Verwaltung des Grafen. Erst 1885 übernahm die Stadt Neurode
das Haus.
Nach dem Statut von 1893 hieß die von einem Kollegium geleitete Glatzer Anstalt
auf der Frankensteiner Straße Kath. Bürgerhospital. Die Bezeichnung
zeigte klar, wer Aufnahme fand. Neben Zinserträgen von ausgeliehenen Kapitalien
konnte das Hospital mit Pachterträgnissen seines Grundbesitzes (1929: 550 ha)
und den Spenden von Bürgern rechnen. So war die Versorgung von 54 Bewohnern
(1890) gesichert. Sie wurden seit 1874 von fünf katholischen Ordensschwestern
betreut.
1878 schenkte das Ehepaar Sellgitt-Masthoff seiner Stadt 14 Morgen Ackerland
und 180.734 Mark. Damit baute Glatz nahe dem Stadtbahnhof ein Gebäude, das Frauen
und Männern aus der armen Bevölkerung bei Krankheit und Gebrechlichkeit
Aufnahme bieten sollte. Am 2. Oktober 1883 öffnete das Sellgitt-Masthoffsche
Armen- und Arbeitshaus seine Pforte. Seine Bewohner erhielten 1936 ein neues
Unterkommen in einem Haus auf der Quergasse. Die Aufgabenstellung der Stiftung blieb
jedoch unverändert.
1897 vermachte Stadtrat Oskar Klie sein ansehnliches Vermögen der Stadt.
Mit zahlreichen Legaten bedachte er Waisenhäuser, Kindergärten, Pflegeheime
und das Stift Scheibe.
Unverkennbar war, daß in den Dörfern die Versorgung der Kranken und Bedürftigen
oftmals zu wünschen übrig ließ. Darum begrüßten die Bewohner
von Niedersteine und Eckersdorf das Vorhaben des Niedersteiner Pfarrers Urban, in
seinem Dorf ein Krankenhaus zu errichten. Mit großzügiger Hilfe der gräflichen
Familie von Magnis - Wilhelm, Anna und Sophia von Magnis - erstand in Niedersteine das
Asyl für Kranke und Sieche. Am 5. November 1887 zogen Ordensschwestern
in das Haus ein, das nun unter dem Namen Krankenstift zum hl. Josef seine
Arbeit zum Segen und zur Freude der Bevölkerung aufnahm. Die ärztliche
Betreuung lag bei Dr. Ohrloff aus Eckersdorf.
Nach Meinung von Gräfin Anna von Magnis war eine Gruppe der Pflegebedürftigsten
übersehen worden. Um sie, so erklärte sie, müßte sie sich kümmern.
So entstand wenige Jahre später mit Unterstützung der gräflichen Familie
das Waisenhaus zum hl. Schutzengel. 1893 übernahm Gräfin Anna selbst
die Leitung des Hauses, das 38 Mädchen kostenlos beherbergte. Die Schwierigkeiten,
die die Waisenkinder beim Besuch der Volksschule durchzustehen hatten, veranlaßten
die Gräfin, eine Schule anzubauen und eine Lehrerin einzustellen. Eine Schenkung
von 150.000 Mark, die die Gräfin 1897 vornahm, sollte das Waisenhaus finanziell
sichern.
Ähnliche Einrichtungen für Waisen, Behinderte, Kranke und Gebrechliche entstanden
damals allerorten in der Grafschaft. Einige seien hier aufgeführt: In Bad Altheide
das Säuglingsheim St. Anna und das Katholische Waisenerziehungsheim; in Habelschwerdt
das Krankenhaus Maria Hilf; in Hausdorf das St. Johannisstift; in Niederhannsdorf
das Altersheim; in Mittelwalde das Krankenhaus St. Wilhelmsstift; in Pischkowitz
das St. Marienstift; in Bad Reinerz das St. Vinzenzstift und der Kindergarten.
Diese Aufzählung mag hier stellvertretend für viele soziale Einrichtungen
in anderen Orten der Grafschaft stehen. Ergänzt wurden sie durch 46 Stützpunkte
der Caritas. Dazu kamen in den Städten und Dorfgemeinden Frauenvereine, deren
Mitglieder karitativ tätig waren und für Notleidende und Kranke sorgten.
Damit bestand ein dichtes Netz von sozialen Einrichtungen, die von der Geburt bis
zum Tode für Bedürftige, Kranke und Gebrechliche bereit standen, um sie
vor Leid und Not zu bewahren.
Herbert Eckelt
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